16
April

Interview mit Schirmherr Steffen Haake

Warum wird man Schirmherr und was bedeutet das? Wir haben bei Steffen Haake nachgefragt, der als solcher das Projekt BRIDGE begleitet. BRIDGE zielt darauf ab, die allgemeinmedizinische Versorgungslücke im ländlichen Raum nachhaltig zu schließen.

Dazu begleiten die Pflegepioniere (care pioneers GmbH) mit Partnern niedergelassene Hausärzt:innen, deren Praxen durch Mediziner:innen mit internationaler Geschichte unterstützt werden sollen. Diese durchlaufen ein dafür entwickeltes Programm mit 13-monatiger Einarbeitung und Vorbereitung auf die Approbation.

Zum Interviewpartner

Herr Haake berät als Politologe Ministerien als auch Kommunen und arbeitet im Großprojektmanagement. Gebürtig kommt er aus Ostfriesland und engagiert sich vor allem politisch sehr stark in der SPD sowie als Mitglied im Auricher Stadtrat.

Interviewverlauf

Frage: Zunächst interessiert es uns sehr, woher Ihr Interesse zu Themen wie der Pflege und der Medizin kommt?

Herr Haake: Grundsätzlich sind dies Themen, die jeden von uns im Laufe des Lebens einmal betreffen. Durch einen Unfall ergaben sich bei mir Berührungspunkte zum medizinischen Bereich. Von da an wollte ich mich gerade politisch wesentlich stärker damit auseinandersetzen und engagierte mich mehr und mehr. In diesem Sektor gibt es jedoch einige Ungleichheiten. Gerade im ländlichen Raum und in Bezug auf die medizinische, aber auch auf die pflegerische Versorgung. Mein Interesse und meine Motivation kommen daher vor allem aus der eigenen Erfahrung heraus, die ich „leider“ sammeln musste.

Frage: Sie arbeiten in Hamburg, kommen aber aus dem Raum Aurich – wie wurden Sie auf das Projekt BRIDGE aufmerksam?

Herr Haake: Tatsächlich hatte ich beruflich mit Frau Philip, die ja der Kopf des Projekts BRIDGE ist, zu tun. Ich hatte damals an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet, während wir uns zeitgleich über die Zukunft der Pflege austauschen konnten. Da ich aus Aurich komme und in Ostfriesland lebe, fragte sie prompt nach mehr möglichem Engagement meinerseits und vertraute mir die Schirmherrschaft von BRIDGE an. So schnell geht das manchmal. Ich muss aber zugeben, dass ich mich von Beginn an sehr auf diese Aufgabe gefreut habe.

Frage: Das Projekt möchte die allgemeinmedizinische Versorgungslücke auf dem Land nachhaltig optimieren. Was hat Sie daran am meisten überzeugt, das Projekt zu unterstützen?

Herr Haake: Es ist aus meiner Sicht etwas Besonderes, den Fokus vor allem darauf zu legen, eine Versorgungslücke hierzulande durch Ärzt:innen mit internationalem Hintergrund zu schließen. Gerade wenn es um niedergelassene Hausarztpraxen auf dem Land geht und noch dazu in Ostfriesland, meiner Heimat. Hier sprechen wir derzeit sehr emotional über Themen wie die stationäre Krankenhausversorgung sowie über die lokale Krankenhauslandschaft.

Leider diskutieren wir jedoch viel zu wenig über die niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzte. Es gab hier mehrere Volksentscheide über den möglichen Bau einer Zentralklinik des Landkreises Aurich sowie der Stadt Emden. Darüber wird stark debattiert. Während Gespräche über eine ländliche Versorgung bei Weitem nicht so thematisiert werden.

Für mich stellt das einen wichtigen Gesichtspunkt dar, hier meine Unterstützung und meine Erfahrung miteinzubringen. In der Vergangenheit hatte ich viel mit interkulturellem Austausch zu tun, auch das motiviert mich, ein solches Projekt zu begleiten. Ich finde den Versuch, eine Region wie Ostfriesland, mit Menschen aus anderen Teilen der Erde zu bereichern, sehr spannend. Wenn man dahingehend noch eine medizinische Lücke schließen kann, ist das doch überzeugend genug.

Frage: Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen, wie Sie BRIDGE fördern?

Herr Haake: Als Schirmherr arbeitet man natürlich eher auf der Metaebene. Das bedeutet, dass ich weniger damit beschäftigt bin, im klassischen Sinn ein Bändchen bei einer Eröffnung durchzuschneiden. Vielmehr versuche ich das Projekt dahingehend zu unterstützen, indem ich meine Erfahrungen miteinbringe. Gerade in der politischen Landschaft kenne ich mich mit den Prozessen aus. Dadurch ergab sich auch der Austausch mit dem Projektteam der care pioneers GmbH und zum Beispiel mit Herrn Prof. Dr. Freitag von der European Medical School. Diese ist stark in das gesamte BRIDGE-Projekt involviert.

Auch mit unserem Landrat habe ich mich zum Thema ausgetauscht. Solche Aktionen versuche ich tatkräftig zu unterstützen, da das „Netzwerken“ gerade für ein etwaiges Projekt von hoher Bedeutung ist. Des Weiteren habe ich dazu den Artikel „Wie Kommunen zu Brückenbauern internationaler Landärzt:innen werden“ verfasst. Diesen können Sie unter diesem Link nachlesen.

Frage: Angesichts der sinkenden Zahlen niedergelassener Hausärzt:innen: Kann BRIDGE Ihrer Meinung nach diesem Trend – zumindest in Niedersachsen – auf lange Sicht entgegenwirken?

Der Fokus des Projekts liegt derzeit auf Ostfriesland. Als eine ursprünglich strukturschwache Region, erlebte sie in den letzten Jahren zwar einen Aufschwung, litt aber natürlich durch Corona und die Krisen der Windenergie-, Automobil- und Werftindustrie.

Das Resultat daraus: Wir sehen uns wieder mit einer gewissen Strukturschwäche konfrontiert.

Dennoch bietet es sich an, gerade hier und jetzt ein solches Projekt in die Wege zu leiten. Eine Region, die einerseits von den Problemen des ländlichen Raumes betroffen ist, bietet andererseits viel Entfaltungs- und Entwicklungspotenzial. In diesem Zuge besteht die Möglichkeit, dass BRIDGE eine gewisse Strahlkraft oder einen entsprechenden Leuchtturm-Effekt auch über die Grenzen Ostfrieslands hinaus entwickeln wird.

Wenn ich bedenke, dass wir in der medizinischen Nahversorgung gar nicht umher kommen, auch Menschen mit internationaler Herkunft einzubinden, sehe ich BRIDGE als einen wichtigen Baustein zur Schließung dieser Lücke.

Frage: Zugewanderte Fachkräfte im medizinischen Bereich haben viele Hürden auf dem Weg nach Deutschland zu nehmen. Aber auch innerhalb Deutschlands ist es für viele mit großen Anstrengungen verbunden, den Weg zum niedergelassenen Ärzt:innen zu bewältigen. Wo sehen Sie für diese Zielgruppe durch BRIDGE die größte Hilfe? In der persönlichen oder eher in der bürokratischen Unterstützung?

Herr Haake: Ich denke, dass die bürokratische Entlastung bis zu 60% ausmacht. Menschen, die bereit sind, im Ausland ihren Weg zu gehen, sind in der Regel „Macher-Typen“, die es ohnehin nicht so schwer haben, persönliche Kontakte zu bekommen und zu pflegen. Aus diesem Grund denke ich, dass obwohl die persönliche Unterstützung zwar sehr bereichernd ist, die bürokratische aber als noch relevanter zu bewerten ist.

Frage: Ihrer Einschätzung nach: Was sind für die Trainees, die zugewandert sind, die schwierigsten Aufgaben, die sie bewältigen müssen, wenn es BRIDGE nicht gäbe?

Herr Haake: Die Kenntnis- und Fachsprachenprüfungen sind sehr hohe Hürden, die man nur nehmen kann, wenn einem keine Steine in den Weg gelegt werden. Solch eine Aufgabe kann beispielsweise die Wohnungssuche sein, die den Trainees bereits vor dem Projekt abgenommen wird. Trotz der ländlichen Region ist die Knappheit lokaler Wohnungen recht groß und die, die es dann gibt, sind oftmals teurer, als man denken mag. Ich kann mir gut vorstellen, dass es für die Teilnehmer:innen wirklich schwer wäre, sich zusätzlich mit solchen Hürden konfrontiert zu sehen.

Darüber hinaus finde ich es sehr hilfreich, dass die Trainees durch die Begleitung der Hausärzt:innen recht schnell mitbekommen, was hierzulande wichtig ist, um als Ärztin oder um als Arzt erfolgreich zu sein. Das wäre sicherlich nicht so effektiv, wenn nicht von Beginn an auch die persönliche Begleitung möglich wäre.

Frage: Welche Punkte oder Herausforderungen sind seitens der Politik enorm wichtig, um ein solches Projekt erfolgsorientiert begleiten zu können?

Herr Haake: Erstens müssen natürlich die Rahmenbedingungen stimmen, für die die Politik verantwortlich ist. Das beginnt bei der Finanzierung solcher Projekte durch die Kommunen. Zweitens hat so etwas nur dann Erfolg, wenn auch politische Akzeptanz dafür geschaffen wird.

Das bedeutet: viel darüber sprechen, Lobbyarbeit starten – immerhin geht es hier um ein Thema der Daseinsvorsorge und der sozialen Gerechtigkeit.

Frage: Fachsprachprüfung, Approbation und berufliche Praxis – all das sind Themen und Inhalte, mit denen sich die Trainees während des BRIDGE-Jahrs beschäftigen. Wo sehen Sie den größten Mehrwert für die Ärzt:innen?

Herr Haake: Es ist allgemein bekannt, dass niedergelassene Ärzt:innen große Probleme haben, eine passende Nachfolge für ihre Praxen zu finden. Als Beispiel kann ich Ihnen sagen, dass mein Opa hier lokal ein Hausärzteehepaar hatte, deren Kinder ebenfalls Allgemeinmediziner:in wurden. Leider hielt es sie jedoch nicht auf dem Land, sondern es zog sie nach Berlin, wo sie sich zufälligerweise genau in der Straße niedergelassen haben, in der ich zu dieser Zeit lebte.

Ich sehe vor allem langfristig den Mehrwert darin, dass durch BRIDGE Kontakte geknüpft werden, die später eine mögliche Praxisübernahme begünstigen können. Kurzfristig bin ich davon überzeugt, dass es den beteiligten Trainees und Ärzt:innen vor allem auch Freude am fachlichen und menschlichen Austausch bereitet. Es holt ein wenig die Welt ins Ostfriesische, wenn man sich mit entsprechenden Menschen austauschen kann, die einen anderen Blickwinkel auf viele Dinge mitbringen.

Frage: Wenn Sie das Projekt weiterdenken, um was würden Sie es erweitern und weshalb?

Herr Haake: Das Projekt sollte nach Möglichkeit ausgeweitet werden, da sich eine gewisse Erfolgsgeschichte andeutet. Anfangs hatte ich die derzeitige Lage in der Pflege betont, die bestimmten Mechanismen ausgesetzt ist. Es lohnt sich daher, zu versuchen, ein solches Projekt eben auch auf etwaige Branchenfelder auszudehnen. Ebenfalls sollte BRIDGE auch über die Grenzen Ostfrieslands hinaus ausgeweitet werden.

Frage: Wenn Sie BRIDGE in einem Satz zusammenfassen müssten, wie könnte dieser lauten?

Herr Haake: BRIDGE hilft den Kommunen Brücken für internationale Landärzt:innen zu bauen, um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum deutlich zu verbessern.

Frage: Abschließend interessiert es mich sehr, was Sie den Initiatoren der care pioneers GmbH sowie allen Projektpartner:innen mit auf den Weg geben möchten?

Herr Haake: Vielen Dank zunächst für die spannenden Fragen. Ich hoffe, dass die Initiatoren das Projekt weiterführen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, falls Probleme entstehen. Ich denke, das ist sehr wichtig, da das Projekt ja nun in keiner leichten Zeit im Hinblick auf das Gesundheitssystem startet.

Auch denke ich, dass ein solches Unterfangen möglicherweise Mut für die Zeit nach Corona macht, so dass man praktische Themen wie den Landarztmangel noch motivierter angehen kann. Man sollte vor allem auch die Chance und nicht nur die Risiken dieser Zeit sehen. Der Trend, durch den der ländliche Raum gerade eine Renaissance erfährt, ist möglicherweise doch genau der richtige Zeitpunkt ein derartiges Projekt zu etablieren.